Eine Geschichte erzählen

Eine Fotoreportage ist eine zeitlich wie örtlich begrenzte Darstellung nicht fiktiver Ereignisse. Was aber bedeutet es in diesem Fall „Darstellung“? Geht es darum, Ereignisse objektiv, also nur anhand von Fakten darzustellen? Wie wichtig ist die subjektive Meinung des Fotografen? Wie weit darf sich der Fotograf selbst in die Geschichte, die er fotografiert, einbringen?

War man früher noch davon überzeugt, eine Fotoreportage solle nichts anderes zeigen als Fakten, praktisch nur eine Dokumentation – also eine strenge bildliche Wiedergabe des Geschehenen – sein, so sind heute viele Reportagefotografen der Meinung, dass die Person, die erzählt bzw. fotografiert, genauso wichtig ist, wie die Geschichte.

Reportagefotografen erzählen Geschichten! Sie unterhalten, sie provozieren, sie zeigen ihre ganz persönliche Sicht der Welt. Eine absolute Wahrheit zu zeigen, ist dabei nicht möglich, weil es sie nicht gibt. Die Dinge objektiv wiedergeben zu können, ist ebenso utopisch, da der Fotograf schon anhand der Auswahl der fotografierten Personen, des Ortes und sogar des Bildausschnitts eine subjektive Stellung bezieht.

Wenn es also nicht um die Wahrheitsfindung geht, worum dann? Ein wesentlich wichtigerer Aspekt liegt darin, dem Betrachter der Fotos ein Gefühl, eine Atmosphäre für das Reportagethema zu geben, für die Menschen, die darin eine Rolle spielen, für den Ort der „Handlung“. Der Betrachter darf nicht länger nur der Betrachter sein, er muss vielmehr visuell so stark angesprochen werden, dass er das Gefühl bekommt, er sei dabei.

Fotos mit rein informellem Charakter verpuffen schnell, und so bleibt das Foto (gerade etwa in vielen Tageszeitungen) nur eine dekorative Bebilderung zum begleitenden Text. Mitgefühl beim Betrachter wecken, den Fokus auf etwas richten, etwas in Frage stellen … das ist die eigentliche (und „vornehmste“) Aufgabe eines guten Reportagefotografen. Dabei sollte aber niemals Abstand von der Wahrhaftigkeit der Fotos genommen werden, indem Bilder verfälscht oder in einen falschen Kontext gesetzt werden. Das erste Gebot der Reportagefotografie lautet daher: Du sollst nicht lügen.

Eine Reportage soll eine Geschichte erzählen. Aber oftmals ist dies eine recht naive Vorstellung – ohne einen Begleittext funktionieren die wenigsten Themen. Sicher, universelle Themen wie Krieg, Armut, Zerstörung, Freude, Hunger oder Familie können intuitiv eingeordnet werden. Ein Foto von einem hungernden Kind, neben dem ein teurer Mercedes parkt, versteht jeder – Ungerechtigkeit. Aber sobald das Thema vielschichtiger und komplizierter wird, braucht es einen Text!

(Martin Rohrmann)